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Talk: Wir müssen uns unbedingt auf einen Kaffee treffen!

In einer Zeit, in der wir nur noch busy sind, keine Zeit für gar nichts haben und von A nach B hetzen, ist es schwer geworden, Freundschaften wieder aufleben zu lassen oder gar zu schließen. Wir leben in einer Zeit, in der es für den Großteil der Bevölkerung völlig legitim ist, eine Person ohne Gewissensbisse zu versetzen und mit den Worten zu vertrösten, man müsse sich unbedingt mal wieder treffen. Dass dies eine beliebte Floskel geworden ist, die eigentlich heißen sollte:

Ich habe keine Zeit und wenn, dann nicht für dich“, habe ich erst vor kurzem kapiert. Denn ich habe wohl hinter dem Mond gelebt und mit „Wir müssen uns unbedingt auf einen Kaffee treffen“ tatsächlich gesagt, was ich gemeint habe: Dass ich die Person gerne wieder treffen möchte. Jetzt ist mir auch klar, warum besagte Treffen trotz meiner Mühen nie zustande gekommen sind.

Kaffee trinken Lunchdate Kolumne

Aber spulen wir doch ein bisschen zurück und schauen wir, warum ich keine Lust mehr habe auf Freundschaften, die nicht mehr sind als flüchtige Bekanntschaften und es vor allem nicht wert sind, hinter ihnen her zu rennen.

Ich bin so busy!

Story 1: Vor ein paar Jahren hatte ich Theresa kennengelernt*, wir sahen uns ca. zweimal im Jahr und verstanden uns wunderbar. Es war wie als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen. Irgendwann habe ich sie gefragt, ob wir uns nicht mal privat treffen wollen und sie war begeistert. Daraufhin schrieb ich ihr mehrmals und fragte sie nach einem Treffen, doch sie war so busy. Urlaub hier, Geburtstage da. Irgendwann gab ich es auf.

Story 2: Meine Bekannte Kathrin*, zu der ich mindestens 15 Jahre keinen Kontakt mehr hatte, suchte  plötzlich den Kontakt. Wir unterhielten uns total nett und so stelle ich irgendwann die Frage, ob sie sich mal auf einen Kaffee treffen möchte. Ich wollte mich ernsthaft mit ihr treffen, sie hatte allerdings auf der Arbeit viel Stress und meinte, sie melde sich in ein paar Wochen. Seitdem habe ich nie mehr was von ihr gehört.

Story 3: Lisa* war eine meiner Freundinnen im Studium. Sie hatte ebenfalls viel Stress auf der Arbeit, trotzdem bekamen wir ein Treffen zustande. Der Abend war toll und wir versprachen, uns schnellstmöglich wieder zu treffen. Den ganzen Sommer über schrieb ich sie an, wann sie denn Zeit hätte. Nur die hatte sie nie. Für andere Dinge natürlich schon, was ich dem verräterischen Messengerdienst und Social Media entnehmen durfte.

Man ist zu beschäftigt, um jemanden außerhalb des eigenen Freundeskreises aufzunehmen. Die Zeit ist zu knapp, der Wille ist nicht da. Nur bin ich der Meinung:

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Ihr wisst gar nicht, wie ich an mir zweifelte. Vielleicht lag es ja an mir, dass man sich nicht treffen wollte? Aber nicht nur meiner Schwester erging es ebenso, selbst Amelie hat darüber schon eine Kolumne verfasst. Sie schob das ganze allerdings auf Berlin, die Stadt des Versetzens. Ich kann dich aber darüber hinwegtrösten, Amelie. Es ist nicht nur Berlin, in der man permanent versetzt wird, sondern auch das 3.000 Seelen Dorf, aus dem ich komme. Selbst da sind alle zu busy. Ich frage mich, was los mit den Leuten ist? Wann wurde es normal, Menschen ohne Scham zu versetzen (während ich immer noch von einem schlechten Gewissen geplagt werde, sobald ich einen Termin nicht einhalten kann)?


*Name geändert / Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

4 Kommentare
  • Sandy
    Februar 2, 2019

    Ich kann dich so gut verstehen! All diese situationen kommen mir bekannt vor und erlebe ich auch ständig… mittlerweile muss ich mich echt zurückhalten nicht wieder diejenige zu sein, die zuerst auf die leute zugeht. Es ist frustrierend aber ich habe gelernt, auch alleine klar zu kommen. Ich denke wenn man sich bewusst wird, dass man auch dinge mal alleine unternehmen kann, macht man sich nicht von anderen abhängig. Wenn du jemandem wichtig bist, wird die person sich schon von alleine melden. Leider gibt es nur wenige dieser menschen aber ich denke alles kommt mit der zeit :).

    Liebe Grüße,
    Sandy GOLDEN SHIMMER

    • Anja | Gründerin & Editor
      Februar 4, 2019

      Sehe ich genauso! Liebe Grüße zurück :)

  • Sylvia
    Februar 3, 2019

    Ich denke, dass dies auch mit eine Folge der Technik ist. Ich fange am besten damit an, wie es früher mal war …. Früher hatte man all die Möglichkeiten noch nicht, mal schnell über alle möglichen Social Media-Wege, Kontakte zu finden und aufrechtzuerhalten . Man hatte einige beste Freunde,einige Bekannte und vllt ein paar mit denen man mal Briefe geschrieben hat, was natürlich auch wieder Zeit gebraucht hat. Um mit diesen Menschen Kontakt zu halten, sich austauschen zu können, MUSSTE man sich treffen. Es war einem wichtig, um Neues zu erfahren, oft auch deshalb, weil man sich eben nicht sooo oft sehen oder hören konnte. Heutzutage schreibt man schnell mal,was man gerade so tut, sei es in Whatsapp oder auch in irgendwelchen Foren, wo man ja bereits jede Kleinigkeit mitteilt, was gerade getan, gegessen, empfunden wird. Somit gibt es kaum noch Neues, was der andere uuuunbedingt erfahren muss. Bedeutet … was soll ich denn gross noch reden, ihr wisst doch alles über mein Leben, hab ja eh nie Zeit, bin so beschäftigt. Aufgrund dieser Wandlung gibt es auch kaum noch diese superengen ,ECHTEN, tiefgehenden Freundschaften, wie man es von älteren Menschen hört. Zusätzlich ist es, wenn man sich wirklich nicht treffen will, das Gegenüber aber immer wieder darum bittet, sehr schwer, einfach zu sagen, nein, tut mir leid, ich möchte es nicht, das ist mir zu viel , du bist mir nicht wichtig genug oder was auch immer die Wahrheit wäre.. das verbietet einem der sogenannte Anstand.. Aber ist es denn dann „anständig“ die andere Person immer im Unklaren zu lassen, dass man gar kein Treffen will? Nein , ist es nicht, aber einfacher.. Wie du, liebe Anja, schon geschrieben hast, zweifelt man an sich selbst. Das ist zwar grundsätzlich mal ein wichtiger Gedanke, „mach ich was falsch, warum die alle nicht wollen ??? ?“ Aber das ist in den meisten Fällen sicherlich nicht der Fall, sondern einfach nur Unehrlichkeit, falscher Anstand und auch Gleichgültigkeit, Desinteresse an der anderen Person und auch an deren Gefühle, was ihr eigenes Desinteresse auslösen könnte. Ich bin der Meinung, vielen ist es einfach nicht wichtig, mit Menschen, mit denen man sich eben nicht mal kurz so einfach treffen kann, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten, da man ja jederzeit und auch ganz schnell, neue Bekanntschaften schliessen kann. Schade ist nur, dass man so nie einen Menschen bis tief in die Seele kennenlernen wird und ihm blindlings vertrauen würde. Nur durch jahrelange Verknüpfungen, (egal welcher Art diese sind.. Partner, Freunde, Eltern-Kind) lernen die Menschen, dass intensive Zusammenarbeit beider „Parteien“ eine tiefe Beziehung ausmacht. Es kostet Kraft und ZEIT für beide Seiten, aber man hat etwas Wunderbares, nämlich eine Freundschaft, die keine Kilometer oder „keine Lust“ trennt. Alles andere ist zu belastend und man sollte sich davon trennen, wenn man selbst darunter leidet. Man muss keine 38434899 Bekannte oder Freunde haben, echte gute Freunde gibt es eh kaum. Wenn du sie bis jetzt nicht gefunden hast, irgendwann werden sie dir begegnen und du wirst den Unterschied bemerken, von den echten zu denen, die du jetzt für Freunde hältst. Gib nicht auf und zweifel nicht an dir !! Bleib dir selbst treu, lass sie gehen, es sind nicht die richtigen !
    Ich weiss, du wirst sie finden. ♥

    • Anja | Gründerin & Editor
      Februar 4, 2019

      Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Das trifft es zu 100%!

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